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Werden wir uns also wiedersehen?

 

Wenn dich plötzlich das starke Gefühl erfasst,

der, den du geliebt hast und liebst, sei dir nahe,

er habe dir ein Zeichen gegeben,

dann lass dich nicht irre machen. Nimm es an.

 

Ich bin überzeugt, dass es mehr Verbindungen gibt

zwischen denen drüben und uns hier,

als die meisten von uns heute meinen.

 

Ich glaube, dass ein Mensch, zu dem wir reden

in der Stunde nach seinem Sterben,

hört, was wir ihm sagen,

und dass die Toten uns Zeichen geben.

 

Wir brauchen dazu keine besonderen Fähigkeiten.

Wir müssen nur wissen, dass die Wand dünn ist

zwischen jener Welt und der unseren.

 

Werden wir uns also wiedersehen?

Unser Auftrag auf dieser Erde ist der,

an Liebe reicher zu werden.

Und ich glaube, dass die Liebe,

die in uns gewachsen ist, nicht verlorengeht.

Ich glaube an ein Finden und Begegnen -

wie immer es dann geschehen sollte -

wie hier, so in der anderen Welt.

 

Jörg Zink (Theologe)

 



 

Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann und man soll das auch gar nicht versuchen, man muss es einfach aushalten und durchhalten.

 

Das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden.

 

Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt die Lücke aus; er füllt sie gar nicht aus; sondern er hält sie vielmehr unausgefüllt und hilft uns dadurch, unsere Gemeinschaft miteinander, wenn auch unter Schmerzen - zu bewahren.

 

Ferner:

 

Je schöner die Erinnerungen, desto schwerer die Trennung.

 

Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude.

 

Man trägt das vergangene Schöne nicht mehr wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich. Man muss sich hüten, in den Erinnerungen zu wühlen, sich ihnen auszuliefern, wie man auch ein kostbares Geschenk nicht immerfort betrachtet, sondern nur zu besonderen Stunden, und sonst nur wie einen verborgenen Schatz, dessen man sich gewiss ist, besitzt; dann geht eine dauernde Freude und Kraft von dem Vergangenen aus.

 

 

Dietrich Bonhoeffer

(Brief an Renate u. Eberhard Bethge; Gefängnis Berlin Tegel, Heiligabend 1943)

 

 



Segen der Trauernden

 

Gesegnet seien alle,

die mir jetzt nicht ausweichen.

Dankbar bin ich für jeden,

der mir einmal zulächelt

und mir seine Hand reicht,

wenn ich mich verlassen fühle.

 

Gesegnet seien alle,

die mich immer noch besuchen,

obwohl sie Angst haben,

etwas Falsches zu sagen.

 

Gesegnet seien alle,

die mir erlauben,

von dem Verstorbenen zu sprechen.

Ich möchte meine Erinnerungen

nicht totschweigen.

Ich suche Menschen,

denen ich mitteilen kann,

was mich bewegt.

 

Gesegnet seien alle,

die mir zuhören,

auch wenn das,

was ich zu sagen habe,

sehr schwer zu ertragen ist.

 

Gesegnet seien alle,

die mich nicht ändern wollen,

sondern geduldig so annehmen,

wie ich jetzt bin.

 

Gesegnet seien alle, die mich trösten

und mir zusichern,

dass Gott mich nicht

verlassen hat...

 

 

Marie Luise Wölfing