» Der ungebetene Gast


Die Trauer ist ein unerwarteter Gast. Eines schönen Tages klopft sie an deine Tür und fragt nicht erst, ob sie herein kommen darf, sondern setzt sich mitten in dein Wohnzimmer und macht es sich bequem und gemütlich.

 

Am Anfang denkt man sich: "Nun gut, irgendwo muss sie ja sein" und bleibt gastfreundlich. Dann kommt der Punkt, wo man denkt: "Jetzt könnte sie aber mal langsam wieder gehen!" Und man versucht mit allerhand Mitteln, sie dazu zu bringen, aufzustehen und sich zu verabschieden, weil man gerne mal wieder für sich sein möchte.

 

Aber nein, sie hockt da, stumm und unversöhnlich und bewegt sich keinen Millimeter. Man versucht, sie rauszuzerren, rauszuekeln, rauszulocken - aber sie sitzt einfach da.

Allee, der ungebetene Gast, Trauer, Simon

Jeden Tag versucht man es wieder, doch wie ein nasser Sack Zement, thront sie auf deinem Sofa, und schaut dir die ganze Zeit über die Schulter.

 

Du fühlst dich beobachtet und unwohl - aber sie sitzt einfach da, schweigt und wartet. Und du weißt nicht einmal worauf, geschweige denn, wie lange. Und noch ein Tag, noch ein Versuch, sie zum Gehen zu bewegen. In dieser modernen Welt muss es doch möglich sein, Herr der Lage zu werden! Aber nein, dieses Ding hockt da wie eine Spinne im Netz - und wartet.

 

Ok, raus will sie nicht. In deinem Wohnzimmer ist zu wenig Platz, also fängst du an, sich an sie zu gewöhnen. Stellst den Tisch ein bisschen weiter dahin, den Stuhl ein wenig weiter dort hin. Und nun sitzt sie zwar immer noch da, aber nicht mehr in der Mitte. "Aha", denkst du dir; "ich kann sie nicht zum Gehen bewegen - aber ich kann mich um sie herum bewegen." Ein bisschen Möbel umstellen, ein wenig die Perspektive wechseln- und schon sieht sie nicht mehr so bedrohlich aus. Tatsächlich kannst du sogar um sie herum gehen und sie dir von hinten anschauen..... unspektakulär!

 

Die Zeit vergeht, und sie setzt schon ein bisschen Staub an, bis sie sich schüttelt und eine Staubwolke aus Trauer aufsteigt, die dich einhüllt. Du stellst den Tisch noch ein bisschen mehr dort hin, und den Stuhl noch ein wenig mehr da hin.... und auf einmal sitzt sie nun am Rande deines Wohnzimmers und nicht mehr im Zentrum. Aber sie sitzt noch immer da. Manchmal wirft sie dir einen vorwurfsvollen Blick zu, und du fühlst dich versucht, sie wieder in die Mitte auszurichten. Manchmal schüttelt sie sich, und hüllt dich in eine Staubwolke voller Trauer ein....

 

Irgendwann ist sie so eins geworden mit deinem Wohnzimmer, dass du sie nicht mal mehr siehst, außer, wenn sie sich schüttelt. Und so hast du aus der Not eine Tugend gemacht, und dank dem ungebetenem Gast, der nicht mehr gehen wollte, eine ganz neue Perspektive, in dein Leben gebracht. Und würde man die Trauer aus deinem Leben entfernen, so würde ein hässlicher kahler Fleck bleiben, weil da auf einmal was fehlt.....

 

- Autor unbekannt -